{"id":2871,"date":"2024-11-20T15:00:12","date_gmt":"2024-11-20T15:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/?p=2871"},"modified":"2024-11-20T15:00:14","modified_gmt":"2024-11-20T15:00:14","slug":"es-scheint-als-haette-die-schweiz-ploetzlich-angst-bekommen-vor-ihrer-weltweiten-pionierrolle-sagt-der-sarco-erfinder-nitschke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/es-scheint-als-haette-die-schweiz-ploetzlich-angst-bekommen-vor-ihrer-weltweiten-pionierrolle-sagt-der-sarco-erfinder-nitschke\/","title":{"rendered":"\u00abEs scheint, als h\u00e4tte die Schweiz pl\u00f6tzlich Angst bekommen vor ihrer weltweiten Pionierrolle\u00bb, sagt der Sarco-Erfinder Nitschke"},"content":{"rendered":"\n<p>Erstmals spricht Suizidkapsel-Erfinder Philip Nitschke \u00fcber die Sarco-Premiere. Er h\u00e4lt das Strafverfahren wegen vors\u00e4tzlicher T\u00f6tung f\u00fcr absurd. Im Gespr\u00e4ch sagt Nitschke, was er als N\u00e4chstes plant.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Simon Hehli <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/sarco-mastermind-nitschke-ich-habe-nur-alberne-argumente-gegen-meine-suizidkapsel-gehoert-ld.1858141\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">NZZ<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/signal-2024-11-20-21-35-00-999-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2875\" srcset=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/signal-2024-11-20-21-35-00-999-1-980x735.jpg 980w, https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/signal-2024-11-20-21-35-00-999-1-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00abIch bin ein Aktivist und will, dass die Welt ein besserer Ort wird\u00bb: Sarco-Erfinder Philip Nitschke ist von seiner Mission \u00fcberzeugt.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id1pvn3e1\"><strong>Herr Nitschke, am 23.&nbsp;September starb zum ersten Mal eine Frau in Ihrer Suizidkapsel Sarco. Versp\u00fcrten Sie dabei ein Gef\u00fchl des Triumphs?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq00\">Nein, eher ein Gef\u00fchl der Erleichterung, dass der Sarco, in den wir so viel Arbeit investiert hatten, funktionierte wie geplant. So, wie wir es auf einer wissenschaftlichen Basis vorausgesehen hatten. Ich war vor allem froh, dass die Frau den friedlichen Tod haben konnte, den sie sich gew\u00fcnscht hatte. Es gab ja Diskussionen, ob ein Erstickungstod mit Stickstoff wirklich so friedlich und schnell ist. Auch wegen der Erfahrungen mit der Exekution in Alabama.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq01\"><strong>Im Januar wurde dort erstmals ein M\u00f6rder mit Stickstoff hingerichtet. Bevor er starb, zuckte er stark und schnappte nach Luft.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq02\">Ich reiste vor der Exekution extra in die USA und versuchte die Beh\u00f6rden davon zu \u00fcberzeugen, das Ganze zu stoppen. Leider erfolglos. Es ist etwas ganz anderes, ob sich jemand freiwillig in den Sarco legt oder ob ein Verurteilter sich gegen die Hinrichtung wehrt. Denn dabei ist die Stickstoffmaske verrutscht, mit all den schrecklichen Konsequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq03\"><strong>Wer war die Amerikanerin, die im Sarco starb? Was waren ihre Motive?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq10\">Sie war eine der Personen, die uns kontaktierten, nachdem wir unsere Pl\u00e4ne mit dem Sarco in der Schweiz \u00f6ffentlich gemacht hatten. Ich war bei der Wahl dieser Frau als erste Sarco-Nutzerin nicht involviert, habe mir aber ihre Gesundheitsakten angeschaut. Sie hatte so viele medizinische Probleme. Ich hatte vollstes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre rationale Entscheidung, dem Leiden ein Ende zu setzen. Mehr m\u00f6chte ich zu ihr nicht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq11\"><strong>Sind Sie nun so zur\u00fcckhaltend mit Informationen, weil Ihnen vorgeworfen wurde, Sie w\u00fcrden einen Medienzirkus veranstalten und die Sarco-Nutzer vorf\u00fchren, sie instrumentalisieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq12\">Nein, aber ihre Person und ihre Motive sind durch all das Unglaubliche, das nach ihrem Tod passiert ist, etwas in den Hintergrund ger\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq13\"><strong>Sie sprechen das Verfahren gegen Ihren Mitstreiter Florian Willet an. Wieso waren Sie w\u00e4hrend der Sarco-Premiere nicht selbst in jenem Schaffhauser Waldst\u00fcck?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq20\">Ich habe den Sarco vor Ort installiert und ihn mehrere Tage lang getestet. Doch am 23.&nbsp;September konnte ich nicht vor Ort sein. Ich musste in Budapest einen Vortrag halten und deshalb rechtzeitig zur\u00fcck in Amsterdam sein. Aber ich habe nat\u00fcrlich alles aus der Ferne mitverfolgt. Florian wusste, was zu tun ist. Es brauchte mich dort nicht.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq21\"><strong>Ging es nicht vor allem darum, sich den Schweizer Beh\u00f6rden zu entziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq22\">Wir haben uns vor dem 23.&nbsp;September nat\u00fcrlich intensiv mit unseren Anw\u00e4lten ausgetauscht. Ihr Rat war, dass nicht gleich mehrere Personen unserer Organisation vor Ort pr\u00e4sent sein sollten. Es war aus juristischer Sicht sinnvoll, dass Florian die Rolle \u00fcbernahm, auch weil er in der Schweiz wohnt, Jurist und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von unserem Schweizer Ableger The Last Resort ist.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq23\"><strong>Willet sitzt seit mehr als sieben Wochen in Untersuchungshaft. Hat Sie \u00fcberrascht, wie rigoros die Schaffhauser Justiz gegen Ihre Organisation vorgeht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq30\">Zu sagen, ich sei \u00fcberrascht, w\u00e4re eine v\u00f6llige Untertreibung. Ich bin perplex und zutiefst beunruhigt \u00fcber das, was hier passiert. Wir wussten, dass es eine Untersuchung geben w\u00fcrde, das ist so \u00fcblich. Aber wir waren und sind \u00fcberzeugt, dass alles, was wir tun, in v\u00f6lligem Einklang mit den Schweizer Gesetzen ist, deshalb sahen wir dem gelassen entgegen. Als dann aber Ger\u00fcchte aufkamen, dass die Schaffhauser Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf vors\u00e4tzliche T\u00f6tung ermittle, war ich entsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq31\"><strong>Am Hals der Amerikanerin sollen W\u00fcrgespuren gefunden worden sein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq32\">Absurd! Das soll sich angeblich aus einer Telefonnotiz zum Zeitpunkt der Autopsie ergeben. Ein Autopsiebericht liegt jedoch bis heute nicht vor. Ich kann nicht verstehen, weshalb ein solcher Bericht nach \u00fcber f\u00fcnfzig Tagen noch nicht vorliegen soll. Und dies, w\u00e4hrend Florian in Haft sitzt. Zudem hat die Staatsanwaltschaft offenbar Dokumente, laut denen im Halsbereich der Verstorbenen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/der-sarco-chef-sitzt-immer-noch-in-u-haft-sein-anwalt-attackiert-jetzt-die-schaffhauser-behoerden-ld.1857507\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">keine DNA<\/a> von Florian gefunden wurde.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq40\"><strong>Was ist denn in jenen Minuten passiert, die Sie aus der Ferne verfolgt haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq41\">Ich konnte alles live sehen, durch die Kameras, die wir innerhalb und ausserhalb des Sarcos installiert hatten. Ich h\u00f6rte die Gespr\u00e4che zwischen Florian und der Frau. Auch den Sauerstoffgehalt in der Kapsel habe ich \u00fcberwacht. Alles geschah genau so, wie wir es vorausgesehen hatten. Die Frau stieg allein in den Sarco, schloss den Deckel ohne Hilfe und dr\u00fcckte selbst\u00e4ndig den Knopf, der den Stickstoff freisetzte. Sie verlor das Bewusstsein und starb nach etwa sechs Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq42\"><strong>Es gibt Ger\u00fcchte, dass der Sarco nicht wie geplant funktioniert habe. Da ist es nur ein kleiner Schritt zur Mutmassung, dass Willet beim Tod der Frau nachgeholfen haben k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq43\">Ich weiss nicht, wer solche Ger\u00fcchte in Umlauf bringt. F\u00fcr ein solches Szenario gibt es nicht den kleinsten Hinweis. Von dem Zeitpunkt, als die Frau in den Sarco gestiegen ist, bis zum Eintreffen der Polizei hat niemand den Deckel ge\u00f6ffnet. Wir haben alles dokumentiert, auch den Sauerstoffgehalt in der Kapsel, der stets auf t\u00f6dlichem Niveau war.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq50\"><strong>Die Staatsanwaltschaft wirft Ihnen offenbar vor, dass Sie nicht kooperieren w\u00fcrden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq51\">Das stimmt nicht. Ich und meine Frau wollten von Anfang an in die Schweiz kommen, um eine Aussage zu machen. Die Staatsanwaltschaft lehnte dies ab.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq52\"><strong>Daf\u00fcr wurde Ihr B\u00fcro in Harlem durchsucht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq53\">Ja, die niederl\u00e4ndische Polizei kam vorbei, wohl im Auftrag der Schweizer Beh\u00f6rden. Ich bekam nicht einmal eine Liste der Dinge, die sie mitgenommen haben \u2013 darunter ein Modell des Sarco.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sarco-large-1024x576.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2503\" srcset=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sarco-large-980x551.webp 980w, https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Sarco-large-480x270.webp 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq60\"><strong>Ein zweiter Vorwurf, der im Raum steht, ist, dass Sie den Suizid per Sarco aus selbsts\u00fcchtigen Motiven anb\u00f6ten \u2013 etwa um sich zu bereichern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq61\">Ich bin ein Aktivist und will, dass die Welt ein besserer Ort wird. Das ist es, was ich seit dreissig Jahren mache. Es geht nicht darum, mit dem Sarco Gewinn zu machen, und es gibt kein Gesch\u00e4ftsmodell dahinter. Wir haben zum Gl\u00fcck genug Geld \u2013 auch, um den Sarco weiterzuentwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq62\"><strong>Wie viel hat die Entwicklung und Produktion des Sarco bis jetzt gekostet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq70\">Fast eine Million Dollar. Es steckt viel technische Innovation in der Kapsel, wir haben fast zehn Jahre an ihr gearbeitet. Und dabei gab es auch einige R\u00fcckschl\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq71\"><strong>Woher kommt all dieses Geld?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq72\">Von Spenden. Es gibt viele Leute, die sehen, welch ein Fortschritt der Sarco ist. Er macht die Sterbehilfe so viel einfacher.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq73\"><strong>Wird die Benutzung des Sarco immer gratis bleiben, abgesehen von den paar Franken f\u00fcr den Stickstoff?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq74\">Ja. Da geht es auch um eine ethische Frage. Wir sind \u00fcberzeugt, dass man f\u00fcr einen assistierten Tod kein Geld verlangen darf. Vor allem wenn man sieht, dass es f\u00fcr sterbewillige Ausl\u00e4nder ohnehin schon sehr teuer ist, in die Schweiz zu reisen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq80\"><strong>Damit fordern Sie die Schweizer Sterbehilfeorganisationen heraus, deren Gesch\u00e4ftsmodell es ist, von Ausl\u00e4ndern rund 10&nbsp;000 Franken f\u00fcr ihre Dienstleistungen zu verlangen. Haben Sie darum diesen Organisationen vorgeworfen, dass sie gegen Sie intrigieren w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq81\">Ich bin sehr entt\u00e4uscht dar\u00fcber, wie wenig offen Sterbehilfeorganisationen f\u00fcr neue Technologien sind \u2013 nicht nur in der Schweiz. Ich habe nur alberne Argumente gegen den Sarco geh\u00f6rt. Etwa, dass niemand abgekapselt von der Welt sterben wolle. Das stimmt einfach nicht, sonst h\u00e4tten sich nicht Hunderte von Interessenten bei uns gemeldet. Es ist doch ein Gewinn, wenn es Wahlfreiheit im assistierten Suizid gibt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq82\"><strong>Wer mit hiesigen Sterbehilfeaktivisten spricht, h\u00f6rt noch einen anderen Vorwurf an Ihre Adresse: dass Sie Mittel zum Suizid allen Menschen leicht zug\u00e4nglich machen wollen \u2013 also auch jungen, depressiven Menschen, die aus dem Affekt heraus handeln. Ist das Ihr Ziel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq83\">Wer so etwas behauptet, hat eindeutig unsere Motive und Ambitionen missverstanden. Wir halten uns an die Schweizer Gesetze \u2013 und die schreiben zu Recht vor, dass jemand, der Sterbehilfe in Anspruch nehmen will, urteilsf\u00e4hig sein muss. Ein 18-J\u00e4hriger, der Liebeskummer hat, ist nat\u00fcrlich kein Sarco-Kandidat. Wie auf der Website von The Last Resort ausgewiesen wird, kommen f\u00fcr den Sarco grunds\u00e4tzlich erst Personen ab 50 Jahren infrage.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq84\"><strong>Der Vorwurf kommt auch daher, dass Sie das Buch \u00abThe Peaceful Pill\u00bb ver\u00f6ffentlicht haben \u2013 und darin detailliert verschiedene Suizidmethoden beschreiben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq90\">Ich habe das Buch f\u00fcr die Mitglieder unserer Organisation Exit International verfasst. Die sind im Schnitt 75 Jahre alt. Es gibt unter den \u00e4lteren Menschen ein grosses Bed\u00fcrfnis nach Information zur Sterbehilfe, und sie haben jedes Recht, diese Information zu bekommen. Viele unserer Mitglieder haben eine t\u00f6dliche Dosis Pentobarbital im Schrank und wissen dank dem Buch, wie sie es anwenden k\u00f6nnen. Das verleiht ihnen eine grosse Gelassenheit. Dass junge Menschen die Informationen missbrauchen k\u00f6nnten, um sich umzubringen, war nie meine Absicht. Wer mein Buch kaufen will, muss deshalb mittels Video und ID beweisen, dass er oder sie mindestens 50 Jahre alt ist.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq91\"><strong>Eines Ihrer Hauptargumente f\u00fcr den Sarco ist, dass dadurch die \u00c4rzte als Instanz ausgeschaltet werden, die das Pentobarbital verschreiben m\u00fcssen. Warum ist Ihnen das so wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq92\">Das Schweizer Modell ist so viel besser als die Regelungen in den meisten L\u00e4ndern dieser Welt. Seit Jahren wiederhole ich das, wenn ich um die Welt reise und vor parlamentarischen Kommissionen spreche. Ich sage ihnen: Nehmt euch ein Vorbild an der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq93\"><strong>Aber?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buq94\">Das Problem ist, dass auch in der Schweiz jemand dar\u00fcber urteilt, ob eine andere Person genug leidet, um sterben zu d\u00fcrfen. Diese Richterrolle \u00fcbernehmen die \u00c4rzte. Das ist eine Zumutung. Denn \u00c4rzte sehen die Sterbehilfe oft \u00fcberkritisch. Nein, die Entscheidung muss bei der betroffenen Person liegen, nicht bei irgendeinem Gatekeeper. Der Sarco erm\u00f6glicht das.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqa0\"><strong>Die Schweizer Sterbehilfeorganisationen sagen, es sei kein grosses Problem, an das t\u00f6dliche Pentobarbital heranzukommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqa1\">Laut den heutigen Regeln der Schweizer \u00c4rztevereinigung sollen nur jene Sterbehilfe bekommen, die so krank sind, dass sie \u00abunertr\u00e4glich leiden\u00bb. Vor einigen Jahren wollte der bekannte australische Botaniker David Goodall in der Schweiz sterben. Der Mann war 104 Jahre alt und einfach lebensm\u00fcde. Er h\u00e4tte so tun m\u00fcssen, als sei er krank. Aber er weigerte sich verst\u00e4ndlicherweise. Es war f\u00fcr ihn nicht so einfach, einen Arzt zu finden, der ihm trotzdem half.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqa2\"><strong>Haben Sie kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Bef\u00fcrchtungen, dass der Sarco den \u00abSterbetourismus\u00bb in der Schweiz noch weiter ankurbeln w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqa3\">Ich denke nicht, dass sich an der Situation viel \u00e4ndern w\u00fcrde. Es kommen ja bereits heute viele Leute in die Schweiz, die dankbar sind f\u00fcr die fortschrittlichen Regeln. Darauf solltet ihr Schweizer stolz sein! Schauen Sie etwa nach Grossbritannien, ich verfolge die dortige Debatte sehr genau. Es soll ein neues Sterbehilfegesetz geben. Es wird so restriktiv ausgestaltet sein, dass sich weiterhin viele Briten gezwungen sehen werden, in die Schweiz zu reisen, um zu sterben.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqb0\"><strong>Aber genau diese liberalen Regeln k\u00f6nnten nun wegen des ganzen Wirbels um Sarco in Gefahr geraten \u2013 weil sich manche Politiker veranlasst sehen, die Sterbehilfe st\u00e4rker zu regulieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqb1\">Das Argument beeindruckt mich nicht sonderlich. So k\u00f6nnte man sich gegen jede Innovation wenden: Wieso sollten wir etwas \u00e4ndern? Wir haben es uns doch bequem eingerichtet. Doch die heutige L\u00f6sung ist eben nicht ideal f\u00fcr die Menschen, die Hilfe beim Sterben suchen. Deshalb braucht es den Sarco. Es scheint, als h\u00e4tte die Schweiz pl\u00f6tzlich Angst bekommen vor ihrer liberalen Gesetzgebung und ihrer weltweiten Pionierrolle.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqb2\"><strong>Haben Sie untersch\u00e4tzt, wie kritisch auch die Schweizer Politik Ihre Kapsel sieht? Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider sagte, ihr Einsatz sei nicht rechtskonform \u2013 ziemlich genau in dem Moment, in dem Sie den Sarco zum ersten Mal einsetzten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqb3\">Ich habe keine Ahnung, wie Frau Baume-Schneider zu so einer Einsch\u00e4tzung kommt. Sie widerspricht allen Einsch\u00e4tzungen von Schweizer Juristen, die wir eingeholt haben. Und auch von Professoren, die sich nach der Sarco-Premiere zu Wort gemeldet haben. Es war von uns nat\u00fcrlich nicht geplant, dass der Ersteinsatz genau zu dem Zeitpunkt stattfand, in dem sich die zust\u00e4ndige Ministerin zum Sarco \u00e4usserte. Das war ein ungl\u00fccklicher Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqb4\"><strong>F\u00fcr Aufsehen haben auch die schweren Vorw\u00fcrfe gesorgt, die Jennifer McLaughlin gegen Sie erhoben hat. Die Frau, die als Erste im Sarco h\u00e4tte sterben sollen, nannte Sie und Ihre Mitstreiter \u00abherzlose Menschen\u00bb und sagte, es gehe Ihnen nur darum, \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu generieren. Wie kam es zu diesem Bruch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqc0\">Es war ein Fehler, dass wir zuerst sie aussuchten, ich w\u00fcnschte, wir h\u00e4tten das fr\u00fcher gemerkt. Sie hatte ernsthafte psychische Probleme, ich selbst habe entsprechende Episoden von ihr erlebt. Ihre Vorw\u00fcrfe weise ich entschieden zur\u00fcck, sie sind nachweislich unwahr. Deshalb hat ja&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/du-brauchst-dein-geld-sowieso-nicht-mehr-die-frau-die-als-erste-in-der-suizidkapsel-sterben-sollte-erhebt-schwere-vorwuerfe-ld.1841701\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">auch Ihre Zeitung diese Vorw\u00fcrfe zumindest teilweise berichtigt<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqc2\"><strong>Bevor McLaughlin dann bei einer Schweizer Sterbehilfeorganisation starb, hielt ein Psychiater in einem Gutachten fest, sie sei klaren Verstandes. Werfen Sie ihm vor, gepfuscht zu haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqc3\">Nein. Aber anders als ich hatte er nicht die Gelegenheit, Jennifer \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu begleiten. Ich war lange genug Mediziner, um zu wissen, dass eine Beurteilung des Geisteszustandes auch von der Tagesform des Patienten abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqc4\"><strong>Implizit sagen Sie, die Schweizer Organisation habe gegen die Regeln verstossen, indem sie einer psychisch kranken Frau zum Suizid verhalf. Das ist ein heftiger Vorwurf.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqd0\">Die k\u00f6nnen machen, was sie wollen, es geht mich nichts an. Ich bin einfach froh, dass die Frau nicht im Sarco gestorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqd1\"><strong>Jetzt stellt sich die Frage, ob und wann der Sarco wieder benutzt wird. Werden Sie abwarten, bis das Verfahren gegen Florian Willet beendet ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqd2\">Ja, auf jeden Fall. Wir wollen eine klare Entscheidung der Justiz, bevor wir Sarco Nummer zwei, der derzeit produziert wird, in die Schweiz bringen. Der Sarco Nummer eins mit seiner ganzen innovativen Software ist ja immer noch beschlagnahmt. Die Untersuchungen k\u00f6nnen nur ein Resultat haben: dass der Sarco gegen kein einziges Schweizer Gesetz verst\u00f6sst.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqd3\"><strong>Das juristische Verfahren kann noch Monate oder sogar Jahre dauern. Schauen Sie sich nach Alternativen zur Schweiz um?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1id27buqd4\">Ich hoffe, es wird schnell gehen. Es gibt aber andere Orte, wo wir den Sarco hinbringen k\u00f6nnten. Zum Beispiel nach Finnland, wo es laut unseren Anw\u00e4lten kein spezifisches Gesetz gibt, das assistierten Suizid verbietet. Eine M\u00f6glichkeit bleibt auch, dass Sterbewillige den Sarco selbst in einem 3-D-Drucker herstellen, hineinsteigen und den Knopf dr\u00fccken. Kein Land der Welt kann es einem verbieten, Suizid zu begehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstmals spricht Suizidkapsel-Erfinder Philip Nitschke \u00fcber die Sarco-Premiere. Er h\u00e4lt das Strafverfahren wegen vors\u00e4tzlicher T\u00f6tung f\u00fcr absurd. 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