{"id":2933,"date":"2025-06-08T08:02:41","date_gmt":"2025-06-08T08:02:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/?p=2933"},"modified":"2025-06-08T08:02:42","modified_gmt":"2025-06-08T08:02:42","slug":"war-der-verstorbene-sarco-sterbehelfer-willet-in-schaffhausen-zu-unrecht-so-lange-in-u-haft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/war-der-verstorbene-sarco-sterbehelfer-willet-in-schaffhausen-zu-unrecht-so-lange-in-u-haft\/","title":{"rendered":"War der verstorbene Sarco-Sterbehelfer Willet in Schaffhausen zu Unrecht so lange in U-Haft?"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/nzz-am-sonntag\/report-und-debatte\/sarcokapsel-ungereimtheiten-bei-untersuchungshaft-gegen-sterbehelferv-ld.1888102\">NZZ<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"449\" src=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Sarco-forest.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2892\" srcset=\"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Sarco-forest.webp 640w, https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Sarco-forest-480x337.webp 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 640px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Sterbehelfer Florian Willet half einer Frau, sich mit der Suizidkapsel das Leben zu nehmen, geriet ins Visier der Schaffhauser Strafjustiz \u2013 und w\u00e4hlte dann selber den Freitod. Jetzt werfen Dokumente neue Fragen zu seiner Untersuchungshaft auf.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5bugfe1\">Es ist ein tr\u00fcber Herbstnachmittag, jener 23.&nbsp;September 2024 in Merishausen, der schliesslich zwei Menschen das Leben kosten wird. Ein Leben wird geplant zu Ende gehen, das einer 64-j\u00e4hrigen schwer kranken Amerikanerin, die an jenem Tag in einem Waldst\u00fcck im inzwischen ber\u00fchmt gewordenen Sarco bewusst einen Knopf dr\u00fcckt, um die Suizidkapsel mit Stickstoff zu fluten und an fehlendem Sauerstoff zu sterben.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5cbkui1\">Daneben steht der Sterbehelfer Florian Willet in gelber Windjacke und protokolliert mit Handy, Kameras und iPad den Tod der Frau. Auch er wird sterben, als Opfer einer Eskalation, die niemand vorausgesehen hat. Willet wird damals noch vor Ort verhaftet, verbringt 70 Tage in Untersuchungshaft, kommt frei, ohne wieder Halt zu finden, und scheidet, wie deutsche Beh\u00f6rden vergangene Woche bekanntgaben, am 5.\u00a0Mai in K\u00f6ln freiwillig aus dem Leben.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n7s0\">Der 47-J\u00e4hrige war Pr\u00e4sident der Sterbehilfeorganisation The Last Resort, die mit dem erstmaligen Einsatz der futuristischen Kapsel im Schaffhauser Wald dem selbstbestimmten Sterben ohne \u00e4rztliche Begleitung den Weg bahnen wollte. Die Organisation z\u00f6gert nicht mit der Schuldzuweisung: Willet sei ein Justizopfer, sagt Philipp Nitschke, der Erfinder des Sarco, und zitiert aus einem psychiatrischen Gutachten, das bei Willet eine \u00abakute polymorphe psychotische St\u00f6rung\u00bb als Folge der Belastung durch die U-Haft diagnostizierte.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5r0kud1\">Auch wenn es f\u00fcr solche Schuldzuweisungen zu fr\u00fch und ein Suizid selten monokausal zu erkl\u00e4ren ist, sagen alle, die Willet kannten, dass aus einem hochintelligenten, zur\u00fcckhaltenden und sachlichen Menschen nach seiner Freilassung im Dezember ein Getriebener geworden sei, paranoid, stets in der Angst, abgeh\u00f6rt und wieder ins Gef\u00e4ngnis gebracht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n830\">Wie konnte es so weit kommen? Schliesslich hatten Willet und die Anw\u00e4lte seiner Organisation selber die Polizei gerufen an jenem tr\u00fcben 23.&nbsp;September. Sie hatten ausf\u00fchrlich dokumentiert, was geschehen war und auch, dass der Suizid im Sarco dem Wunsch der schwer kranken Frau entsprach. W\u00e4hrend die Anw\u00e4lte und eine anwesende Fotografin der niederl\u00e4ndischen Zeitung \u00abVolkskrant\u00bb nach 48 Stunden freikamen, blieb Willet in Haft \u2013 10 Wochen lang.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n840\">Dokumente deuten nun darauf hin, dass sich die Staatsanwaltschaft dabei auf eine Analyse der Todesursache st\u00fctzte, die sich im Nachhinein als falsch erwies. Erst jetzt wird bekannt, was in der Endfassung des Obduktionsberichts der Amerikanerin steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine entscheidende Rolle bei der Anordnung der U-Haft spielte eine Aktennotiz vom 24.\u00a0September der zust\u00e4ndigen Staatsanw\u00e4ltin. Darin fasst sie zusammen, was ihr das Institut f\u00fcr Rechtsmedizin in Z\u00fcrich am Telefon \u00fcber die Untersuchungsergebnisse des Todes vom Vortag gesagt habe. Da wird detailliert aufgef\u00fchrt, was alles f\u00fcr eine \u00abkomprimierende stumpfe Gewalt am Hals (Strangulation)\u00bb spreche. Die Rede ist von \u00abPunktblutungen in den Augenbindeh\u00e4uten\u00bb, Zeichen stumpfer Gewalt wie Quetschungen auf Kehlkopfh\u00f6he oder einem linken gebrochenen Zungenbein. Es handle sich \u00abkeinesfalls um ein ruhiges, friedliches Ableben, bei dem die Verstorbene einfach eingeschlafen sei\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n850\">Diese Aktennotiz war die Basis f\u00fcr das folgende Haftbegehren der Schaffhauser Staatsanwaltschaft, die zum Erstaunen der Anw\u00e4lte neben der Beihilfe zum Selbstmord eine vors\u00e4tzliche T\u00f6tung ins Spiel brachte. Der schockierende Verdacht: Der Sarco habe bei seinem ersten Einsatz nicht richtig funktioniert, und Willet habe nachgeholfen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n860\">Dazu muss man wissen: Die Staatsanwaltschaft hatte im Vorfeld Willet und seine Mitstreiter gewarnt, dass sie eine Strafuntersuchung er\u00f6ffnen werde, wenn sie den Sarco in Schaffhausen aufstellten. Doch Sterbehilfe ist in der Schweiz nur dann strafbar, wenn sie aus selbsts\u00fcchtigen Motiven geschieht. Willet und die Anw\u00e4lte gingen deshalb selbst im schlimmsten Fall von einer nur kurzen Festnahme aus. Nur der dringende Tatverdacht der vors\u00e4tzlichen T\u00f6tung in Kombination mit Fluchtgefahr erlaubte es der Staatsanwaltschaft, den Deutschen, der erst ein paar Jahre in der Schweiz lebte, 10 ganze Wochen in Untersuchungshaft zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n870\">Eigenartig blieb allerdings, dass auch in den folgenden Wochen und Monaten neben dieser Aktennotiz kein eigentliches Obduktionsgutachten vorlag. In einer Verhandlung \u00fcber seine Haftentlassung Anfang November erfuhr Willet nur, dass seine DNA nicht am K\u00f6rper der Toten gefunden wurde, dennoch musste er in U-Haft bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n871\">Offiziell liegt das Gutachten erst seit dem 27.&nbsp;M\u00e4rz dieses Jahres vor, also ganze sechs Monate nach dem Tod im Sarco, wie die Staatsanwaltschaft k\u00fcrzlich der NZZ best\u00e4tigte. Doch was angeblich im neunseitigen Bericht steht, sahen andere Parteien erst diese Woche, wie aus Anwaltskreisen zu vernehmen ist. Der Verdacht einer gewaltsamen Fremdeinwirkung wird durch die Obduktion nicht best\u00e4tigt, auch wenn sie nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden k\u00f6nne. Vielmehr liessen sich die urspr\u00fcnglich als verd\u00e4chtig taxierten Spuren am Hals mit nat\u00fcrlichen Ursachen erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n872\">Die neue Entwicklung wirft kein gutes Licht auf die Ermittlungen. Wie ist eine solche Diskrepanz zwischen der Telefonnotiz gleich nach der Obduktion und dem Autopsiebericht m\u00f6glich? Warum dauerte es so lange, bis das Gutachten da war? Warum erhielten die Beschuldigten und ihre Anw\u00e4lte so lange keine Einsicht? Und: Wurde die lange U-Haft, die Willet am Ende so zusetzte, aufgrund falscher Einsch\u00e4tzungen angeordnet?<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n880\">Die Staatsanwaltschaft Schaffhausen nimmt \u00abwegen des Amts- und Untersuchungsgeheimnisses\u00bb zu diesen Fragen keine Stellung. Der Erste Staatsanwalt, Peter Sticher, verweist lediglich darauf, dass Entscheide des Zwangsmassnahmengerichts, das \u00fcber U-Haft befindet, sowie des Obergerichts das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sch\u00fctzten. Letzteres musste eine Beschwerde zur abgelehnten Haftentlassung beurteilen, allerdings zu einem Zeitpunkt, als Willet bereits wieder auf freiem Fuss war, so dass es vor allem noch um die Verfahrenskosten ging. Dabei stellte sich das Obergericht auf die Seite der Ermittler.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n890\">Das Problem: Bei all diesen Entscheiden spielte in erster Linie die fr\u00fche telefonische Aktennotiz zur Obduktion eine wesentliche Rolle und kein fertiges Gutachten, dessen Ergebnisse der Aktennotiz offenbar widersprechen und offiziell erst sp\u00e4ter vorlagen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n8a0\">Willet und die involvierten Anw\u00e4lte wunderten sich denn auch \u00fcber den Verbleib des Obduktionsgutachtens, das normalerweise nach ein paar Tagen erstellt ist. Sie verlangten weitergehende Akteneinsicht \u2013 was ihnen die Schaffhauser Beh\u00f6rden verwehrten, und fragten sich ver\u00e4rgert, wie lange die einzelnen Verfahrensschritte dauerten und ob die Staatsanw\u00e4lte die Aufnahmen der Kameras und die Sauerstoffmessungen in der Kapsel ignorierten, die das Geschehen im Wald dokumentiert hatten.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n8a1\">In all der Zeit sass Florian Willet in Schaffhausen im alten, d\u00fcsteren kantonalen Gef\u00e4ngnis, ohne nach Beginn der U-Haft zur Sache auch nur einmal einvernommen zu werden, ohne Kontakt zur Aussenwelt, ausser \u00fcber seine beiden Anw\u00e4lte. Und w\u00e4hrend er die Anfangszeit laut deren Aussagen gut \u00fcberstanden hatte, verschlechterte sich sein psychischer Zustand gegen Ende. Noch am Samstag vor seiner Entlassung musste sein Schaffhauser Anwalt Urs Sp\u00e4ti notfallm\u00e4ssig vorbeikommen, um ihn zu beruhigen. \u00abEr verlor den Boden unter den F\u00fcssen, glaubte etwa, seine Sachen w\u00fcrden durchsucht\u00bb, sagt Spaeti.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"id-doc-1it5b9n8c0\">\u00abUntersuchungshaft ist immer schlimm. Man ist da ja per definitionem noch unschuldig, doch man erlebt mit der Isolation von einem Tag auf den andern das h\u00e4rteste aller Gef\u00e4ngnisregime. So lange in U-Haft zu sitzen, war traumatisierend\u00bb, sagt Andrea Taormina, Z\u00fcrcher Rechtsanwalt, der in diesem Fall die niederl\u00e4ndische Fotografin vertritt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der U-Haft entlassen wurde Willet schliesslich am 2.\u00a0Dezember \u2013 offenbar weil die Staatsanwaltschaft nach zweieinhalb Monaten die im Sarco gemessenen Sauerstoffwerten schliesslich doch f\u00fcr richtig befunden hatte, die zeigen, dass die Kapsel w\u00e4hrend der Sterbehilfe nicht ge\u00f6ffnet wurde. Doch da hatte das Unheil schon seinen Lauf genommen. Florian Willet rutschte gem\u00e4ss Aussagen von Weggef\u00e4hrten und psychiatrischen Diagnosen wegen eines psychotischen Schubs immer tiefer ab \u2013 eine Diagnose, die eine pl\u00f6tzlich auftretende psychische Krise mit starken Stimmungsschwankungen und Wahnvorstellungen beschreibt. Im Februar st\u00fcrzte er aus dem dritten Stock seines Wohngeb\u00e4udes, f\u00fcr einige ein erster Suizidversuch, den er verneinte; er verletzte sich schwer, wurde operiert und musste in die Rehabilitation. Dann tauchte er ab, ohne seine N\u00e4chsten zu informieren. Er fuhr nach Deutschland, um zu sterben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sterbehelfer Florian Willet half einer Frau, sich mit der Suizidkapsel das Leben zu nehmen, geriet ins Visier der Schaffhauser Strafjustiz \u2013 und w\u00e4hlte dann selber den Freitod. Jetzt werfen Dokumente neue Fragen zu seiner Untersuchungshaft auf.<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":2892,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"off","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2933"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2933"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2933\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2934,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2933\/revisions\/2934"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thelastresort.ch\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}